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Je ländlicher, desto populistischer? Welchen Einfluss der Wohnort auf das Wahlverhalten hat und wie Vereine dem Populismus trotzen.

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Guten Tag!

Sie finden, über die Bundestagswahl wurde ausreichend berichtet? Finde ich auch. Es gibt allerdings einen Aspekt, der sich weniger inflationär in der Medienlandschaft finden lässt. Und über den passenderweise das Thünen-Institut für ländliche Räume, eine Bundesforschungseinrichtung mit Sitz in Braunschweig, eine detaillierte Analyse angefertigt hat. Es geht um die Frage, ob und wenn ja, wie stark, der Grad an Ländlichkeit einen Einfluss auf das Wahlverhalten hat. Lassen sich Aussagen formulieren wie „Je ländlicher eine Gemeinde ist, desto höher ist der Stimmanteil für Partei XY?“ XY steht hier natürlich als Platzhalter, ich will ja nicht zu viel vorab verraten. Denn: Ja, die Braunschweiger Wissenschaftler:innen haben tatsächlich den einen und anderen Zusammenhang ausgemacht.

Und es geht in diesem Brief auch um die Frage, wie eine starke Zivilgesellschaft populistischen Positionen gegenübertreten oder sie ganz überflüssig machen kann. Darüber haben die Landfrauen gemeinsam mit der Agrarsozialen Gesellschaft aus Göttingen und dem Zentrum für ländliche Entwicklung NRW jüngst eine Vortragsreihe organisiert.

Warum ist das überhaupt spannend?

Bereits rund um die Bundestagswahl 2017 wurde heiß diskutiert, ob die Wahlerfolge der Alternative für Deutschland – der AfD – damit erklärt werden können, dass sich Bewohner:innen mancher Regionen „abgehängt“ fühlen und daher eher geneigt sind, aus Protest populistisch zu wählen. Abgehängt meint hier vor allem ein Wegbrechen von Infrastruktur und Daseinsvorsorge – also das Fehlen von ÖPNV, Nahversorgung, Ärzten usw. – und ist in Bezug zu städtischen Räumen zu sehen, wo all diese Leistungen im Überfluss vorhanden sind. Frei nach dem Motto: Wo sich die Menschen abgehängt fühlen, sind dem Populismus Tür und Tor geöffnet. Die Analyse des Thünen-Instituts damals ergab damals ein klares „Jein“. „Ja“ für die ostdeutschen Bundesländer, in denen eher ländlich geprägte Gemeinden ein deutlich höheres AfD-Ergebnis hatten als städtische. Und „Nein“ für westdeutsche Gemeinden, in denen kein Unterschied zwischen ländlichen und urbanen Gemeinden auszumachen war.

Soweit der Blick zurück auf die Bundestagswahl 2017. Lassen Sie uns nun auf die Analyse der Wahl 2021 blicken!

Was hat sich das Thünen-Institut angeschaut?

In ihrer Analyse haben sich die Wissenschaftler:innen die Zweitstimmenergebnisse aller in den Bundestag gewählten Parteien auf Gemeinde- und Kreisregionsebene angeschaut (in der 2017-Analyse wurden dagegen nur die AfD-Ergebnisse betrachtet). Den Grad der Ländlichkeit ermittelt das Institut mit einem eigenen Index.

Was kam heraus?

  • Wie bereits 2017 sind auch diesmal große Unterschiede zwischen den ost- und westdeutschen Wahlergebnissen festzustellen. AfD und Linke sind im Osten eindeutig stärker, CDU und Grüne dagegen im Westen. Die Unterschiede bei SPD und FDP zwischen ost- und westdeutschen Ergebnissen sind am geringsten.
  • Einen starken Zusammenhang zwischen Ausprägung der Ländlichkeit und Stimmenanteil zeigt sich sowohl bei den Grünen als auch bei der AfD. Für die Grünen gilt: Je ländlicher die Gemeinde, desto geringer der Stimmenanteil. Das gilt für Ost- genauso wie für Westdeutschland.
  • Für die AfD dagegen lässt sich festhalten: Je ländlicher die Gemeinde, desto höher ihr Stimmenanteil. Dies gilt in besonderem Maße für Ostdeutschland. Allerdings gehen die Stimmenanteile ab einem bestimmten Grad an Ländlichkeit wieder zurück. Ist der Wohnort sehr ländlich, sind die Stimmenanteile niedriger als bei einem lediglich ländlichen Wohnort.

Ein Faktor unter vielen

Dr. Andreas Klärner, Soziologe am Thünen-Institut, ordnet die Analyse so ein: „Unsere Ergebnisse widersprechen der allzu einfachen Gleichung, je ländlicher eine Region ist, desto abgehängter fühlen sich die Menschen dort und umso mehr wählen sie auch die AfD. Weitere Untersuchungen müssen zeigen, welchen Einfluss die Ländlichkeit des Wohnortes tatsächlich auf das Wahlverhalten hat. Sicher aber ist, dass Ländlichkeit nur ein Faktor unter mehreren ist, der dieses Wahlverhalten beeinflusst.“

Demokratie entsteht nicht im luftleeren Raum

So oder so: Vereine, Zivilgesellschaft und Dorfgemeinschaft müssen in ländlichen Räumen zunehmend mit antidemokratischen und populistischen Strömungen umgehen, auf sie reagieren und ihnen die Stirn bieten. Das hat jüngst auch eine digitale Fortbildungsreihe der Landfrauen (genauer gesagt: der rheinischen, westfälisch-lippischen und rheinhessischen Landfrauenverbände), der Agrarsozialen Gesellschaft und des Zentrums für ländliche Entwicklung gezeigt. Wie ist es um den Zustand unserer Demokratie bestellt – speziell mit Blick auf ländliche Räume? Wie können Vereine, wie kann Zivilgesellschaft und Dorfgemeinschaft auf antidemokratische Tendenzen reagieren? Diese drei Punkte sind mir aus der Seminarreihe am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben:

  • Demokratie ist mehr als ein politisches System. Demokratische Kultur entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern in der Familie und Zivilgesellschaft. Vereine sind Orte gelebter Demokratie, in denen auch Selbstwirksamkeit gelernt wird.
  • Die lokale Zivilgesellschaft gerät aber vielerorts und zunehmend unter Druck: weil Orte schrumpfen, weil Nachwuchs fehlt, weil sich Formen des Engagements wandeln.
  • Gleichzeitig suchen populistische Parteien wie die AfD Anschlusspunkte zum Beispiel bei Jagd und Schützenvereine. Das Kalkül: unter einem volkstümlichen Deckmantel werden ihre Position mehrheitsfähiger. Völkische Siedler bauen gar wegbrechende Sozialstrukturen in Dörfern komplett neu auf.

Unterwanderungsversuche bei den Landfrauen …

Dass rechte Gedankenspiele zur Anschlussfähigkeit und auch zur Unterwanderung von Vereinen und Verbänden keine Märchen sind, zeigt ein Beispiel aus den Reihen der Landfrauen. Bereits Anfang 2020 habe ich mich dazu mit der Präsidentin des Deutschen Landfrauenverbandes Petra Bentkämper unterhalten. Das Thema ist leider immer noch aktuell. Bentkämper berichtete mir damals, dass die Landfrauen an verschiedener Stelle mit rechten und populistischen Gesinnungen konfrontiert würden. Ein ostdeutsches Problem sei dies nicht. So haben Landfrauen auf einer Demonstration gegen die Schließung von Geburtsstationen eine Podiumsdiskussion organisiert. Eine Vertreterin der AfD war nicht eingeladen, verschaffte sich aber Gehör, indem sie einfach die Bühne kaperte und zu reden begann. „Die Frauen waren mit der Situation völlig überfordert“, sagte Bentkämper – ohne dies als Vorwurf zu meinen. Dies war ein Grund für den Bundesverband, aktiv zu werden: Mit einem Handlungs- und Argumentationsleitfaden will der Verband seinen Mitgliedern Hilfestellung liefern.

Denn Bentkämper sagt auch: „Verbände wie der Landfrauenverband sind Lernorte der Demokratie. Wir müssen mutig und vorbildhaft vorangehen.“

… und im Schützenwesen

Noch gezielter scheinen Unterwanderungsversuche bei Schützenvereinen abzulaufen. Ebenfalls Anfang 2020 wurde laut BHDS, dem Dachverband der christlichen Schützen, einzelne Schützenbruderschaften angesprochen und diesen hohe Geldspenden angeboten – so zum Beispiel der Neuenrader Schützengesellschaft im Sauerland. Der BDHS habe, so heißt es in einem internen Schreiben, die Annahme verweigert, weil „nach eigenen Recherchen hier offensichtlich über AfD-Kanäle ein für den BHDS kompromittierender Sachverhalt konstruiert werden sollte.“

Doch die Spenden waren nicht der einzige Anbiederungsversuch. Bereits Ende 2019 hatte die AfD in der Debatte um das neue Waffenrecht den christlichen Schützenbund und seine Bruderschaften zielgenau angeschrieben. In einem Flugblatt positionierte sich die AfD gegen die geplante Verschärfung und inszenierte sich als Partner der deutschen Schützentradition (über die Vereinnahmungsversuche im Schützenwesen hat zum Beispiel die FAZ berichtet).

Mitte 2021 hat der BHDS dann nochmals nachgelegt. „Die AfD versucht permanent, uns zu vereinnahmen. Da wollen wir ein eindeutiges Zeichen der Abgrenzung setzen und den Vereinen Argumente zur Hand geben“, sagte Bundesschützenmeister Emil Vogt gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Im August 2021 beschloss der Hauptvorstand, dass eine Mitgliedschaft in einer der christlichen Schützenbruderschaften im BHDS „unvereinbar“ ist mit einer Mitgliedschaft in der AfD.

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Neujahrsbotschaft mal anders

So, das war es auch schon fast mit dem letzten Landbrief in 2021. Zwei Botschaften zum Thema möchte ich Ihnen noch mit ins neue Jahr geben. Einfach, weil sie richtig und wichtig sind und aus der Mitte der Engagierten kommen.

Regina Selhorst, Präsidentin des Westfälisch-Lippischen Landfrauenverbandes sagt:

„Demokratie heißt, die Meinung des anderen zu akzeptieren, den eigenen Standpunkt klarzustellen, fair darüber zu diskutieren und für unsere Grundwerte einzutreten, aber auch Populismus die Stirn zu bieten. Mit dem eigenen Standpunkt klar Flagge zu zeigen und damit wichtige Impulse in unserer Gesellschaft zu setzen, bedarf einer gehörigen Portion Mut. Jede Stimme zählt, um die demokratischen Grundwerte zu stärken. Gehen wir es an – weil es auf uns ankommt!“

Katja Reinl, Geschäftsführerin der Westfälisch-Lippische Landjugend verweist auf einen Verhaltenskodex in der Satzung der Landjugend, der sich klar zu Toleranz, der Einhaltung persönlicher Grenzen und gegen Gewalt und Extremismus ausspricht. Innerhalb dieser Leitplanken findet die Verbandsarbeit statt.  Sie sagt:

„Es ist wichtig, aktiv auf Vereinsmitglieder zuzugehen, wenn sich diese populistisch äußern, um ihnen Grenzen aufzuzeigen und unerwünschtes Verhalten zu sanktionieren. Und auch, um schweigenden Mehrheit, die dieses Verhalten ablehnt zu zeigen, dass Extremismus in der Landjugend keinen Platz hat.“

GARTEN-ZUGABE

In den Zugaben greifen wir in der Regel spannende und interessante Kurzmeldungen rund ums Land auf. Doch: Ausnahmen bestätigen je bekanntlich die Regeln. Daher verwandelt sich jeweils im letzten Landbrief des Monats unsere Zugabe in eine „Garten-Zugabe“, in der meine Kollegin und Garten-Redakteurin Brigitte Laarmann auf anstehende Gartenarbeiten im Folgemonat blickt – in diesem Fall auf den Januar. Also: Los geht’s!

  • Gärtnern Sie auch im Hochbeet? Dann starten Sie jetzt schon ins Gartenjahr und besorgen Sie Saatgut für Gemüse oder Kräuter. Auf der Fensterbank lassen sich ab Februar die ersten Pflänzchen heranziehen. Als Fundgrube für alte und regionale Gemüsesorten empfehlen wir das Portal des Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (www.nutzpflanzenvielfalt.de). Dort finden Sie auch unsere Lieblingstomate `Rote Murmel`, eine kleinfruchtige, reichtragende, süß schmeckende  Wildtomate. Bitte erst ab März aussäen – sonst kriegt sie staksige Beine. 
  • Wer im Januar unbedingt draußen etwas tun möchte, nimmt die Nistkästen ab und reinigt sie. Obacht: Manchmal nutzen Siebenschläfer oder andere kleine Nager die Behausungen für ihre Winterruhe. Also Arbeitshandschuhe anziehen – die schützen auch vor Vogelflohbissen – und vorsichtig zu Werke gehen. Vielleicht fällt Ihnen im Garten auch ein Nistkasten mit beschädigtem Einflugloch auf. So ein Hackerangriff geht meistens auf das Konto des Buntspechts. Der Nesträuber hat es auf Eier und Jungvögel abgesehen. Das Einflugloch lässt sich durch eine passend geformte Metallplatte zum Aufschrauben schnabelsicher machen. Unter dem Suchbegriff Spechtschutz finden Sie die Platten im Versandhandel. 

Herzliche Grüße – das letzte Mal aus dem Jahr 2021. Wir lesen im neuen Jahr voneinander: immer mittwochs.

Marit Schröder