Die Rückkehr der Wölfe. Oder: Warum ein Wolfsberater hinschmeißt und wann Wölfe ‚entnommen‘ werden dürfen.

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Guten Tag!

Gäbe es eine Rubrik für schaurig düstere Ortsnamen, mein Heimatort hätte gute Chancen: Wulfsmoor nennt sich der norddeutsche Ort mit den plattdeutschen Wurzeln – das Moor der Wölfe. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Wolf im angrenzenden Breitenburger Moor heimisch. Fast 200 Jahre galt er dort als ausgerottet. 2007 wurde erstmals wieder ein Wolf in Schleswig-Holstein gesichtet, vor etwa vier Jahren ist er auch ins Moor der Wölfe zurückgekehrt.

Ähnliches ist aus vielen ländlichen Ecken des Bundesgebietes zu hören. Und das ist kaum verwunderlich: Seit im Jahr 2000 das erste freilebende Wolfsrudel in Sachsen als tierisches Comeback bejubelt wurde, konnten sich die Wölfe ohne natürliche Feinde ausbreiten. Um 30% vermehrt sich die Population jedes Jahr. Mittlerweile leben 157 Rudel, 27 Wolfspaare und 19 Einzeltiere in Deutschland – insgesamt etwa 1500 Tiere.

Mit den Wölfen nehmen auch Nutztierrisse zu: Wurden 2016 rund 1000 Nutztiere – vor allem Schafe, aber auch Ponys und Rinder – von Wölfen gerissen, waren es fünf Jahre später schon 4000 (eine Übersicht der Nutztierrisse gibt es hier). Und noch etwas nimmt seit der Rückkehr der Wölfe zu: (Hitzige) Diskussionen über den richtigen Umgang mit dem Wolf. Sollte er gezielt „entnommen“ werden – also geschossen werden dürfen? Und: Haben wir überhaupt ein Problem mit dem Wolf?

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Wolfsland Niedersachsen

Will man die Euphorie von der ersten Wolfssichtung bis zum deutlich nüchterneren Status Quo nachvollziehen, schaut man am besten nach Niedersachsen. Niedersachsen ist nach Brandenburg das Bundesland mit der höchsten Wolfsdichte – Wolfsland sozusagen. In Niedersachsen spricht man zum Beispiel mit Hermann Kück. Hermann Kück, 74 Jahre, war einer von vier ehrenamtlichen Wolfsberatern des Landkreises Cuxhaven. Knapp zehn Jahre lang hat er die Rückkehr des Wolfes begleitet, hat Risse dokumentiert und vor allem versucht, den Menschen vor Ort die Angst vor den Tieren zu nehmen. Dann, im vergangenen November, hat er als Wolfsberater gekündigt. Er sagt: „Ich habe vielen Kindern und Eltern die Ängste vorm Wolf genommen. Aber meine Ängste nehmen zu.“

„Ich habe vielen Kindern und Eltern die Ängste vorm Wolf genommen. Aber meine Ängste nehmen zu.“

Hermann Kück

Kück geht mittlerweile davon aus, dass sich im Landkreis Cuxhaven ein Großrudel gebildet hat. „Das läuft aus dem Ruder“, sagt er. Denn so ein Großrudel, da ist sich der Naturschützer sicher, begnügt sich nicht mit der Jagd auf Wildtiere. „Wildnis“ und „Zivilisation“ liegen zu nah beieinander. Allein Kück hat in seinen zehn Jahren als Wolfsberater 160 Nutztierrisse vor Ort aufgenommen. In jüngster Zeit kamen auch Angriffe auf zwei Ponys hinzu, die wahrscheinlich auf das Konto der Wölfe gehen.

Wolfsmanagement à la Schweden?

Mittlerweile spricht sich Hermann Kück für eine Regulation der Wölfe aus – etwa nach schwedischem Vorbild. In Schweden gibt es landesweit eine Obergrenze von 200 Tieren. Wächst der Bestand darüber hinaus, werden Tiere „gezielt entnommen“. Zum Vergleich: Allein in Niedersachsen gibt es derzeit 450 Wölfe, deren Bestand ähnlich dem Bundesdurchschnitt Jahr für Jahr um 30% wächst.

Abschuss: Ist das überhaupt erlaubt?

Der Wolf hat nach EU- und Bundesnaturschutzgesetz den höchstmöglichen Schutzstatus. Sein Abschuss steht damit grundsätzlich unter Strafe und ist nur in Ausnahmen möglich. Aber Moment! Macht Schweden nicht genau das? Und Schweden gehört ja immerhin auch zur EU.

Die Erklärung ist, sagen wir mal, etwas bürokratisch. Also einmal durchatmen und ab in die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie. Die FFH-Richtlinie ist eine europäische Naturschutzrichtlinie und regelt, welche Lebensräume und Arten besonders schützenswert sind. Als Richtlinie muss sie von den EU-Mitgliedsstaaten in nationales Recht umgesetzt werden. Und in diesen nationalen Umsetzungen haben die Mitgliedsstaaten den Wolf unterschiedlichen Anhängen der Richtlinie zugeordnet. In Estland zum Beispiel wird der Wolf in Anhang V der FFH-Richtlinie geführt. Das heißt, er wird wie andere Wildtiere behandelt und darf „nachhaltig genutzt“ – sprich: geschossen – werden. In Deutschland, aber auch in Frankreich, Italien oder Polen findet man den Wolf in Anhang IV. Die dort aufgelisteten Arten haben einen höheren Schutzstatus (wer’s genau wissen will, findet hier eine Übersicht zur deutschen Einordnung in IV und V). Ob der Wolf bejagt werden darf, ist somit eher eine politische Entscheidung.

Das Problem mit den Problemwölfen

Aber: Auch wenn der Wolf in Anhang IV geführt wird, sind Entnahmen möglich. So regelt es beispielsweise Schweden: Dort fällt der Wolf auch in die IV, Entnahmen sind aber im Rahmen einer sogenannten Schutzjagd möglich. Dabei wird nicht ein einzelner „Problemwolf“ bejagt, sondern in einer ganzen Region die Bestandsobergrenze durch Jagd gehalten. In Deutschland dagegen ist es derzeit nur möglich, Wölfe im Einzelfall zu schießen – und das auch nur in Niedersachsen und nur dann, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind (wie das mehrmalige Überwinden von Herdenschutzzäunen).

So richtig zielführend ist das nicht, erklärt Prof. Sven Herzog vom Lehrstuhl für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der TU Dresden: „Die meisten ‚Problemwölfe‘ sind lediglich Tiere, die ein normales, gesundes Wolfsverhalten zeigen. Sie haben einfach nur schneller als andere gelernt, dass Menschen harmlos sind und sich Nahrung in Nähe der Menschen risikoloser erbeuten lässt, als wenn man Wildtiere jagt.“

Einen solchen Wolf zu töten, würde die übrigen Tiere des Rudels nicht wirklich von Nutztieren fernhalten, sagt Prof. Herzog. Hinzu kommt: „Der Aufwand, ein ganz spezifisches ‚Problemtier‘ zu identifizieren und zu entnehmen, ist enorm. Und oft gelingt das dann nicht mal.“

„Die meisten ‚Problemwölfe‘ haben einfach nur schneller als andere gelernt, dass Menschen harmlos sind und sich Nahrung in Nähe der Menschen risikoloser erbeuten lässt.“

Prof. Sven Herzog

Abschuss: Bringt das überhaupt was?

Aus der Schweiz stammt ein anderer Vorschlag zur Bestandsregulation, berichtet Prof. Herzog: Zielführender könnte es sein, jedes Jahr ein Jungtier aus dem Rudel zu entnehmen. Dies würde bei den Elterntieren einen Lerneffekt auslösen („Menschen sind gefährlich“), den sie an die Welpen weitergeben. Ob dieser Vorschlag auch in der Praxis funktioniert, ist allerdings noch offen.

Der Landesvorsitzende des NABU Niedersachsen, Dr. Holger Buschmann, bezweifelt dagegen, ob Wolfsabschüsse Weidetiere überhaupt vor Rissen schützen. Die Situation könnte sich vielmehr sogar verschlimmern, da durch Abschüsse Rudelstrukturen zerstört werden könnten. Der Abschuss würde erst dann weniger Nutztierrisse nach sich ziehen, wenn der Wolf wieder ganz ausgerottet ist, so Buschmanns Einschätzung.

Schutzmaßnahmen: Von Zäunen und Hunden

Doch zurück nach Niedersachsen, diesmal nach Wersabe bei Bremen. Damit Weidetiere vor Wolfsangriffen geschützt sind, geben Bund und Länder öffentliche Mittel in Millionenhöhe aus – so auch in Wersabe. Zum Hochwasser- und Küstenschutz weiden auf den Deichen vor Ort Schafe. Diese wiederum sollten durch Zäune vor dem Wolf geschützt werden. Die Landesregierung Niedersachsen startete dazu ein Pilotprojekt und förderte den Zaunbau im Bereich der Osterstader Marsch mit 375.000€. Doch die 1,20 bis 1,60 m hohen und theoretisch wolfssicheren Zäune waren in der Praxis genau das nicht: wolfssicher. Gleich zweimal wurden die Zäune innerhalb von zwei Wochen Ende 2021 von Wölfen übersprungen oder untergraben, wie Schäfer Rene Krüger berichtet. Von seinen 300 tragenden Mutterschafen wurden 32 getötet, 30 weitere sind verschollen.

Was Schäfer Krüger passiert ist, ist kein Einzelfall. Landauf und landab berichten Weidetierhalter:innen von überwundenen Zäunen. Nicht nur Schafe werden gerissen, auch Rinder oder Pferde fallen dem Wolf zum Opfer. Denn eines zeichnet sich mit Zunahme der Wolfspopulation ab: Weidetiere werden als Beute für Wölfe zunehmend interessant.

Rene Krüger, der Deichschäfer, denkt jetzt über Herdenschutzhunde nach. Allerdings bräuchte er zum effektiven Schutz mindestens 15 Hunde – wie das Dorfbewohner:innen und Tourist:innen finden, ist eine andere Frage …

Das steckt man nicht so einfach weg

Und klar: Landwirt:innen und Schäfer:innen bekommen Entschädigungen für die vom Wolf gerissenen Tiere. Aber wer einmal sein gerissenes Kalb, Schaf oder Pony auf der Weise gefunden hat, steckt das nicht so einfach weg. Und: Ein Wolfsriss ist nicht nur ein schrecklicher Anblick. Er kostet auch Zeit: Kadaver bergen und säubern, kaputte Zäune reparieren und der Schreibkram für die behördliche Meldung des Risses.

Das Ende vom Lied ist aber ein klassischer Zielkonflikt: Artenschutz auf der einen Seite, die von vielen gewünschte Weidetierhaltung auf der anderen. Wie damit umgegangen wird, ist letztlich eine politische Entscheidung.

Was sagen Sie?
Bereitet Ihnen der Wolf Sorge? Ist eine Koexistenz ohne Bestandsregulierung möglich? Haben Sie vielleicht sogar persönliche Erfahrungen mit dem Wolf oder Schutzmaßnahmen gemacht? Schreiben Sie uns gerne unter redaktion@landbrief.de und wir veröffentlichen eine Auswahl der Zuschriften in einem der kommenden Landbriefe.

ZUGABE

Schnelles Internet für alle! Nur wie schnell ist „schnell“?

Die Bundesnetzagentur arbeitet aktuell an einer Rechtsverordnung, die Anforderungen an einen Breitband-Universaldienst konkretisiert. Was so kompliziert klingt, meint im Grunde ein Recht auf schnelles Internet für alle – auch für noch so entlegene Haushalte. Diskutiert wird noch, wie schnell dieses Internet sein muss. Die Bundesnetzagentur schlägt eine Mindestbandbreite von 10 Mbit/s im Download vor. Die Verbraucherzentrale sieht das anders: Mindestens 30 Mbit/s seien ein vertretbarer Kompromiss.

Wer machts smarter?

Insgesamt 45.000€ hat die Wüstenrot Stiftung zu verteilen. Im Wettbewerb „Land und Leute“ werden Ideen und Projekte mit dem Schwerpunkt Digitalisierung für neue Wohn-, Arbeits- und Kreativorte auf dem Land prämiert. Bewerbungsschluss: 15. Februar 2022, mehr Infos gibt es hier.

Mittelaltermedizin gegen Krankenhauskeime

Zum Ausklang noch ein Social-Media-Fund, dem ich bei Instagram über den Weg gelaufen bin (auf dem Kanal von Funk – dahinter stecken ARD und ZDF). In einem Buch aus dem 10. Jahrhundert gibt es ein Rezept für eine entzündungshemmende Augensalbe. Rein kommen nur die besten Zutaten: Knoblauch, Zwiebeln, Wein und – wie sollte es auch anders sein – Ochsengalle. Forschende haben das Rezept jetzt nachgekocht und festgestellt: Das Mittel ist sogar gegen stärkere Bakterien wie multiresistente Keime erfolgreich. Eine Alternative zu Antibiotika? Das wird jetzt weiter untersucht.

Herzliche Grüße

Marit Schröder

Mitarbeit: Rebecca Kopf, Britta Petercord

P.S.

In der Ortsnamen-Rubrik hat Schleswig-Holstein noch einiges mehr zu bieten: Todesfelde oder Hungriger Wolf zum Beispiel. Oder Kalifornien und Brasilien, wo ich als Kind oft zum Baden war. Liegt alles in Schleswig-Holstein. Sibirien übrigens auch – da gings immer zum Minigolfspielen hin … Kennen Sie auch morbide, anzügliche und skurrile Ortsnamen? Schreiben Sie mir gerne unter redaktion@landbrief.de
Und eines muss ich Ihnen noch erzählen: Kaum habe ich diesen Landbrief beendet, meldet sich mein Handy. Eine neue Nachricht in der Nachbarschafts-WhatsApp-Gruppe. Genauer gesagt: Ein weitergeleitetes Video. Darauf zu sehen ist allem Anschein nach ein Wolf, der den ländlichen Norden von Münster durchstreift – meine neue Heimat. Sie sind wirklich zurück …

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