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Ansehen

Alle Probleme gelöscht? Wo es gerade bei den Feuerwehren brennt 

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Kürzlich in Aschen, einem rund 1300 Einwohner zählenden Dorf bei Diepholz in Niedersachsen: Ein Baum war auf die Straße gestürzt und hatte eine Telefonleitung beschädigt. Die Freiwillige Ortsfeuerwehr Aschen rückte an und benötigte etwa eine halbe Stunde, um den Schaden zu beseitigen.  

Am Tag darauf stand morgens um 7.31 Uhr der Keller eines Wohnhauses in Diepholz unter Wasser: etwa einen Fingerbreit, also nicht viel – aber doch ein Notfall. Die Feuerwehrleute fanden rasch die Ursache. An einer Baustelle in der Nähe war eine Pumpe ausgefallen. Mit einer Tauchpumpe wurde „das Wasser nach draußen befördert“, heißt es im Bericht zum Einsatz, der nach einer Stunde beendet war. 

Kurz zuvor hatten die Löschfahrzeuge noch einen anderen Einsatz absolviert: An der Privaten Hochschule für Wirtschaft und Technik in Diepholz waren Lithium-Ionen-Akkus in Brand geraten. Mit einem Radlader beförderten die Feuerwehrleute die Akkus in einen Container und deckten sie mit Sand ab, um den Brand zu löschen.  

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Von Aschen bis St. Hülfe 

Brände, Verkehrsunfälle, Personensuchen, hier eine Ölspur, die beseitigt werden muss, dort ein feststeckender Personenaufzug: Mehr als 250 solcher Einsätze verzeichneten im vergangenen Jahr allein die vier Freiwilligen Feuerwehren, die es in Diepholz und seinen kleinen Ortsteilen Heede, Aschen und St. Hülfe gibt.  

Nein, diese letzten beiden Ortsnamen haben wir uns nicht ausgedacht. Sie heißen wirklich so und klingen wie geschnitzt für unser heutiges Thema: die Freiwilligen Feuerwehren auf dem Land.  

Eine Million Freiwillige 

In Heede, Aschen und St. Hülfe also ist es wie fast überall in den kleineren ländlichen Kommunen und Dörfern: Das Retten, Löschen, Bergen und Schützen liegt fest in Händen des Ehrenamtes, also der Freiwilligen Feuerwehren. Sie bilden, gerade auf dem Land, das Rückgrat der Rettungsdienste. 

Um die Besonderheit besser zu erkennen, blicken wir zur Abwechslung zunächst in die großen Städte. Dort gibt es vielfach Berufsfeuerwehren. Deren Mitarbeiter:innen sind also kommunale Angestellte. Außerdem gibt es noch Werksfeuerwehren – Lösch- und Rettungstrupps also, die von großen Industrieunternehmen betrieben werden. In Deutschland gibt es 110 Berufsfeuerwehren und 760 Werksfeuerwehren, aber es gibt rund 22.000 Freiwillige Feuerwehren.  

Noch eine Zahl spricht für sich: In den Berufs- und Werksfeuerwehren sind zusammen etwa 70.000 Personen hauptamtlich aktiv. In den Freiwilligen Feuerwehren aber sind es deutschlandweit rund eine Million. 

Auf dem Land zuhause 

Wie gesagt: Die „Freiwilligen“ bilden das Rückgrat – und sie sind vor allem auf dem Land zuhause. Zum Beispiel in Petershagen an der Weser: Die aus vielen Dörfern bestehende Kommune hat 24.000 Einwohner und insgesamt 26 Feuerwehrhäuser und 760 aktive Feuerwehrleute.  

Ein ganz anderes Bild zeigt die fast gleichgroße, aber eher städtisch geprägte Kommune Herdecke im Ennepe-Ruhr-Kreis*: Sie hat mit ca. 23.000 Einwohnern „nur“ ein Feuerwehrhaus und 70 aktive Feuerwehrleute. 

Krise des Ehrenamtes? Nicht bei der Feuerwehr 

Mancherorts gibt es eine Art Misch-Organisation, wie uns Christoph Schöneborn erklärt hat. Er ist Sprecher des landesweiten Dachverbandes aller Feuerwehren in NRW. In Olpe beispielsweise ist der Leiter der Feuerwehren bei der Kommune angestellt – die Mannschaften selbst hingegen sind durchweg „Freiwillige“.  

Nun wird allseits beklagt, das Ehrenamt verliere an Zuspruch. Niemand, so heißt es, möchte sich mehr so recht für andere engagieren. Für die Freiwilligen Feuerwehren stimmt das aber gar nicht. Oder besser: Es gilt nicht mehr. „Doch ja, es gab vor einigen Jahren mal leicht sinkende Zahlen“, räumt Christoph Schöneborn ein, es gebe auch von Ort zu Ort einige Unterschiede, aber: „Bei landesweiter Betrachtung ist das Engagement gestiegen.“  

Eine gewisse Blaulicht-Sympathie 

Das liegt vor allem natürlich am Sinn der Tätigkeit. Den stellt nun wirklich niemand infrage. Das liegt auch an der Jugendarbeit der Feuerwehren, die in der Breite wirkt – gerade im Alter von 10 bis 18 Jahren gebe es eine „gewisse Blaulichtsympathie“, wie Schöneborn es augenzwinkernd nennt.  
Hinzu kommt das unbestritten hohe Ansehen der Feuerwehrleute – egal ob Berufs-, Werks- oder Freiwillige Feuerwehr: Sie erreichen in allen entsprechenden Umfragen (zum Beispiel hier) stets mit Abstand die besten Werte, weit vor Krankenpfleger:innen und Ärzt:innen, Polizist:innen oder Richter:innen (von „Journalist:innen“ mal ganz zu schweigen).  

Alle Probleme „gelöscht“? 

Also alles bestens? Kein Grund für Beschwerden? Na ja, antwortet Schöneborn. Zwar hätten viele Kommunen und Landkreise erkannt, dass es wichtig sei, in die Feuerwehren zu investieren. Aber es gebe durchaus Kommunen, in denen die technische Ausstattung zu wünschen übriglasse.  

In manchen veralteten Feuerwehrhäusern herrsche räumliche Enge, einige haben undichte Dächer – und dem Sprecher zufolge gibt es noch immer dörfliche Feuerwehren, in denen das einzige Löschfahrzeug ein Anhänger ist, der im Fall eines Falles mit einem Traktor zum Brand gezogen wird.  

Homeoffice“ im Feuerwehrhaus

Ein weiteres Problem ist die „Tagesverfügbarkeit“. Tagsüber sind viele freiwillige Feuerwehrleute nicht an ihrem Wohnort. Sie arbeiten nicht dort, wo sie leben – und wo sie Mitglied der Feuerwehr sind. Im Falle eines Falles können sie also gar nicht mit ausrücken.  

Um dieses Problem zu lösen, finden viele Wehren und Feuerwehrleute ihre ganz individuellen Wege, wie Schöneborn berichtet. Dazu zählt etwa eine Doppelmitgliedschaft in einer Wehr am Wohn- und am Arbeitsort – mit entsprechenden Absprachen.  

Eine andere Lösung liegt ihm Trend zum „Homeoffice“, der bekanntlich in der Corona-Krise enormen Schub erhalten hat. „In neueren Feuerwehrhäusern werden inzwischen sogar eigene ,Homeoffice‘-Büros eingerichtet. Einsatzkräfte können dort ihrer gewöhnlichen Arbeit nachgehen und im Einsatzfall sofort ausrücken.“ Co-Working im Feuerwehrhaus sozusagen… 

Digitale Funklöcher…  

Kopfschmerzen bereitet auch BOS. Hinter diesem Kürzel verbirgt sich ein einheitliches und abhörsicheres Digitalfunknetz für „Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben“ – daher die Abkürzung. Polizei, Feuerwehren, Rettungsdienste und Hilfsorganisationen verständigen sich mittels BOS. Es wird als verschlüsseltes Digitalfunknetz seit geraumer Zeit flächendeckend in Deutschland aufgebaut. Über alle Vermittlungsstationen und Funkdistanzen bleibt das gesprochene Wort streng geheim – „Ende-zu-Ende-Verschlüsselung“ lautet das Stichwort.  

„Das führt zu enormem Handlungsbedarf, denn ein flächendeckender Breitbandausbau ist in den ländlichen Räumen Nordrhein-Westfalens noch längst nicht überall vorhanden.“ Das stellte kürzlich erst, gerade mit Blick auf den Brandschutz, eine Arbeitsgruppe „Zukunftsperspektiven ländlicher Räume in NRW“ fest. Dieses Gremium mit Vertreter:innen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und kommunaler Verwaltung, eingesetzt von der Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (ARL), setzte fast schon provokant den lapidaren Satz hinzu: „Auch die Feuerwehrfahrzeuge sind noch nicht überall dafür ausgestattet.“  

… und „abgesoffene“ Sender 

Mindestens ebenso provozierend ist es, wenn die ARL-Fachleute für die ländlichen Feuerwehren fordern, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: „Mobile technische Geräte mit notwendiger Software und schnell verfügbaren Daten sollten überall im Einsatz sein können. Das ist auch eine wichtige Voraussetzung für den Einsatz von Drohnen, wofür zudem ein flächendeckendes Breitbandnetz (weiter) ausgebaut werden sollte.“ 

Eine völlig andere, unerwartete Lücke trat im Juli 2021 während des Jahrhundert-Hochwassers an der Ahr und in der Eifel auf, wie Schöneborn schildert: Ein Teil der BOS-Funkstationen war zu niedrig installiert und ist regelrecht „abgesoffen“. Derzeit werde das mit Hochdruck geändert und verbessert.  

Die größte Baustelle: Feuerwehr muss weiblicher werden 

Die größte Baustelle der Freiwilligen Feuerwehren aber sieht ihr NRW-Pressesprecher ganz woanders: „Die Feuerwehr muss weiblicher werden.“ Tatsächlich ist das Retten, Löschen, Bergen und Schützen noch immer klar eine Männerdomäne. In den Berufs- und den Werksfeuerwehren liegt der Frauenanteil bei gerade einmal 2 bzw. 3,5 %.  

Dagegen heben sich die überwiegend ländlichen bzw. kleinstädtischen Freiwilligen Feuerwehren fast schon wieder ab: Sie haben einen Frauenanteil von 10 %. Aber da ist noch eindeutig „Luft nach oben“, so Schöneborn.  

Vor allem das Eigen- und Fremdbild des „männlichen Retters“ steht dem Wandel entgegen. Von „überkommenen Rollenbildern“ spricht auch die oben erwähnte ARL-Arbeitsgruppe; das führe zwangsläufig zu einem Spannungsverhältnis zwischen dem Engagement im Beruf, für Kinder, in der Pflege Angehöriger und für ehrenamtliche Aktivitäten. Ein Hindernis seien aber auch die „besonderen körperlichen Anforderungen mancher Feuerwehreinsätze“, die für kontroverse Diskussionen sorgten.  

Die ARL empfiehlt, Frauen sollten von den örtlichen Feuerwehren direkt und gezielt zum Mitmachen angesprochen werden. Auch sollten Anreize geschaffen werden, das Ehrenamt weiter zu stärken. Dazu könnten etwa freier Eintritt in kommunalen Einrichtungen, freie oder ermäßigte Fahrten mit dem ÖPNV, Steuerermäßigungen, gestufte Versicherungsleistungen oder Fahrtkostenerstattungen zählen. Diese Vorschläge könnten nicht nur den Anteil der Frauen erhöhen, sondern das Ehrenamt im ländlichen Raum insgesamt stärken: egal ob Mann oder Frau. 

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ZUGABE

Brisante Windenergie-Studie: NRW sagt Vorstellung ab 

Zwei Jahre lang hat das nordrhein-westfälische Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) an einer Potenzialstudie „Windenergie NRW“ gearbeitet. Auftraggeber war das NRW-Wirtschaftsministerium. Vor wenigen Tagen sollten die Ergebnisse vorgestellt werden. Aber der Termin wurde kurzfristig abgeblasen. Warum?  

LANUV und NRW-Wirtschaftsministerium hüllen sich in Schweigen. Liegt es vielleicht an den brisanten Aussagen der Studie?  

Unsere Kollegin Katja Stückemann, Expertin für Erneuerbare Energie, kennt die Ergebnisse der Studie, die gerade keiner kennen soll: Demnach ist das Ausbauziel der Windenergieleistung von 12 GW bis 2030, wie es die neue Energieversorgungsstrategie NRW vorsieht, „nur theoretisch haltbar“. Dazu müssten alle in den Szenarien gefundenen Flächen auch tatsächlich bebaut werden. In der Realität sei das aber gar nicht möglich. Im Weg stehen demnach der pauschale Abstand von 1000 m zu Wohngebäuden und der Ausschluss von Waldflächen. Unter dem Strich, so das Ergebnis der Studie, würde das zu einer Konzentration der Windräder in der Eifel und dem Rheinischen Revier, dem Sauerland und dem Raum Paderborn führen.  

Wie man es auch dreht: Es sind brisante Aussagen. Im gerade anlaufenden Wahlkampf – in acht Wochen ist in NRW Landtagswahl – möchte sie derzeit wohl niemand in der NRW-Landesregierung öffentlich präsentieren. 

Ukraine: Helfen, wo es geht 

Der Krieg in der Ukraine sorgt hierzulande für eine große Bereitschaft zu Spenden und für Hilfe im Land, aber auch für großen Bedarf an gesicherten informationen. Hier einige Links und Hinweise:  

  • Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband hat seine Mitglieder aufgerufen, Wohnraum für ukrainische Flüchtlinge bereitzustellen.  
  • Der Landwirtschaftsverlag, in dem der Landbrief erscheint, hat für die vom Krieg in der Ukraine betroffenen Menschen ein Spendenkonto (Caritasverband für die Diözese Münster e. V., IBAN: DE47 4006 0265 0004 1005 05 BIC: GENODEM1DKM, Verwendungszweck: „Gemeinsam für die Ukraine“) eingerichtet und 50.000 € zur Verfügung gestellt. Das Geld geht an die Caritas in Polen, die mit der Landwirtschaftskammer Lublin im Südosten Polens nahe der ukrainischen Grenze sowie den dortigen Landfrauen und Landwirten Hilfsmaßnahmen umsetzt.  

Viele Grüße aus der Landbrief-Redaktion von  

Gisbert Strotdrees 

* In der ersten Version des Landbriefs haben wir Herdecke fälschlicherweise dem Märkischen Kreis zugeordnet.