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Aufstieg aus dem Moor: Der Emslandplan – ein Rückblick aus aktuellem Anlass

von Gisbert Strotdrees
Emslandplan
1950 startete mit dem „Emslandplan“ das größte Flurbereinigungs-, Moorkultivierungs- und Trockenlegungs-Programm der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die gewaltigen Pflugschare wurden zum Symbol für den Umbruch und die Modernisierung einer ganzen Region. (Foto: Emslandmuseum Lingen)

Am Tag nach Frühlingsanfang 1950 ging bei der Bundestags-Verwaltung in Bonn der „Antrag der Abgeordneten Eckstein und Genossen“ ein. Der Antrag bestand aus einem Satz: „Der Bundestag wolle beschließen: Die Bundesregierung wird ersucht, Maßnahmen zur Erschließung und „Nutzbarmachung der Ödländereien des Emslandes zu ergreifen.“

Dieser Antrag vom 21. März 1950, unterzeichnet vom Lingener Bundestagsabgeordneten Heinrich Eckstein und weiteren 20 CDU-Abgeordneten, wurde gut sechs Wochen später, am 5. Mai 1950, nahezu einstimmig im Bundestag beschlossen.

Damit begann das größte Flurbereinigungs- und Kultivierungsprogramm der Nachkriegszeit: der „Emslandplan“. Dieses Vorhaben sollte binnen einer Generation das „Armenhaus Deutschlands“ im Nordwesten des Bundeslandes Niedersachsen von Grund auf modernisieren.

Die Pläne lösen aus heutiger Rückschau bisweilen Skepsis oder gar Kopfschütteln aus, vor allem aus Sicht des Naturschutzes und nicht zuletzt auch des Klimaschutzes. Denn es gingen große Moorflächen verloren, die heute als CO2-Speicher hohe Wertschätzung genießen würden. Doch damals, wenige Jahre nach Kriegsende, war die Perspektive eine andere – und die unmittelbare Dringlichkeit ebenfalls

Blick in das „Armenhaus“ im Nordwesten

Kaum eine andere Region in Westdeutschland bot den Betrachtern um 1950 damals so karge, ja elende Zustände wie der Landstrich zwischen Rheine und Papenburg. Zahlreiche Pläne zur Kultivierung und Verkehrserschließung der unwirtlichen Grenzregionen waren bereits seit dem Ende 19. Jahrhundert entworfen worden, aber in den Wirren des Ersten Weltkrieges und der Inflationsjahre sowie der Weltwirtschaftskrise waren buchstäblich im Moor versackt. 

Kaum 40% des Emslandes seien kultiviert, hatte 1931 der Osnabrücker Regierungspräsident festgestellt. Abgesehen von Papenburg und der Gegend um Bentheim gebe es keine nennenswerte Industrie. 

Kaum besser war es um die Landwirtschaft bestellt, den Haupterwerbszweig der meisten Menschen im Emsland. Moore und Heiden hatten die Felderträge und die Viehhaltung stark begrenzt. In den ärmlichen Moorkaten, aber auch auf vielen größeren Höfen gab es noch um 1950 weder Strom noch fließendes Wasser, von Landmaschinen oder gar Traktoren ganz zu schweigen.

Nach Krieg und Hunger: Ernährungssicherheit stand ganz oben

Hauptziel der Landwirtschaft war es, die Ernährung einer hungergeplagten Bevölkerung zu sichern. Der Massenhunger der Kriegs- und frühen Nachkriegsjahre 1944/45-1948/49 stand allen noch vor Augen. Die Korea-Krise 1950/51 ließ erneut schwere Mängel in der Versorgung befürchten – da wurde möglichst jeder Quadratmeter Land benötigt, um Getreide, Kartoffeln und Gemüse anzubauen. Auch das sprach für die möglichst zügige und umfassende Kultivierung neuer Nutzflächen, auch im scheinbar so unzugänglichen Moor.

Hinzu kam: Die wenigen agrarischen Produkte, die dort bereits geerntet wurden, konnten noch kaum überregional, etwa ins bevölkerungsreiche Ruhrgebiet, abgesetzt werden. Denn das Netz „echter“, durchgängig befestigter Straßen wies große Lücken auf. Der Dortmund-Ems-Kanal, 1899 eröffnet, und die Eisenbahnlinie Rheine-Emden dienten allenfalls dem überregionalen Durchgangsverkehr.

So gab es viele Gründe, das soziale und wirtschaftliche Elend des Emslandes durch die Moorkultivierung zu beenden. Doch es gab noch weitere Motive: Die Öl-und Erdgasvorkommen, in den 1930er Jahren entdeckt, hatten die Begehrlichkeiten der Niederlande einerseits, der Westfalen andererseits geweckt.

Wird das Emsland westfälisch?

Die Niederlande forderten nach Kriegsende zeitweise einen Teil des Landstriches für sich. Andererseits betrachtete es die niedersächsische Landesregierung mit Misstrauen, dass viele Emsländer lieber ins nahe Münster als ins ferne Hannover blickten. In Münster waren 1947/48 zeitweise über ein Bundesland Westfalen nachgedacht worden, dem auch das Emsland zugerechnet werden sollte.

Diesen zentrifugalen Kräften sollte entgegengewirkt werden. Und schließlich sollte der Emsland-Plan dazu beitragen, den Flüchtlingen und Vertriebenen eine Zukunft zu bieten und damit eines der größten und konfliktträchtigen sozialen Probleme der Nachkriegsgeschichte zu entschärfen. Der dünn besiedelte Landstrich versprach ausreichend Platz zur Ansiedlung der Flüchtlinge und Vertriebenen – aber eben erst nach der Entschließung.

Acht Landkreise im „Herzogtum Lauenstein“

Geplant, gesteuert und durchgeführt wurde das Mammutprojekt von einer eigens gegründeten „Emsland-GmbH“. Sie wurde 1951 gemeinsam vom Land Niedersachsen und den betroffenen acht Kreisen Aschendorf-Hümmling, Bersenbrück, Cloppenburg, Grafschaft Bentheim, Lingen, Meppen, Vechta und Leer ins Leben gerufen. 

Geleitet wurde die Emsland-GmbH von 1951 bis 1963 von Johann Dietrich Lauenstein (1893-1973). Der Jurist hatte im preußischen Innen- und im Finanzministerium gearbeitet und war in der NS-Zeit Geschäftsführer der „Reichsumsiedlungsgesellschaft“ (RuGes), die sich unter anderem mit Kultivierungs- und Umsiedlungsprojekten der Landwirtschaft im Zuge der NS-Aufrüstung befasste. Lauenstein, seit 1937 NSDAP-Mitglied, hatte in den Kriegsjahren als Ministerialdirektor die Abteilung Siedlung und Landeskultur im Reichslandwirtschaftsministerium geleitet. Nach seiner Entnazifizierung 1947 hatte er in der Agrarverwaltung wieder Fuß fassen können. Die Bundesregierung ernannte ihn 1950 zunächst zum Staatsbeauftragten für das Emsland, ein Jahr später wurde er Geschäftsführer der Emsland GmbH. „König Lauenstein“ sollen ihn Emsländer seinerzeit genannt haben – ihr Landstrich galt zeitweise als „Herzogtum Lauenstein“.

1 % vom Bundeshaushalt ging ins Emsland

In die Erschließung des Emslandes floss bis 1965 jährlich etwa 1 % des Bundeshaushalts. Knapp 835 Mio. DM wurden allein bis 1963 investiert. davon stammten etwa 430 Mio. DM aus Bundesmitteln bzw. aus Mitteln des amerikanischen „Marshall-Planes“. 

Gut drei Viertel des Geldes wurde buchstäblich im Moor versenkt: Gigantische Dampfpflüge der Firma Ottomeyer aus Bad Pyrmont zogen mit ihren riesigen Scharen bis zu 2,20 m tief durch den Moorboden, um ihn zu lockern, mit Sand zu vermengen und so für die Landwirtschaft überhaupt erst nutzbar zu machen.

In der ersten Ausbauphase bis etwa 1965 wurden insgesamt 76.000 ha Moor und Ödländereien verbessert beziehungsweise zu agrarischen Nutzung vorbereitet. 15.000 ha wurden aufgeforstet, weitere 1800 Kilometer Windschutzstreifen wurden als Hecken oder Baumreihen entlang der neuen Wirtschaftswege und Straßen gepflanzt. 600 Kilometer Straßen entstanden neu. Weitere 2400 Kilometer Wirtschaftswege wurden befestigt.

Ausbau der Infrastruktur

Das Elektrizitätsnetz, die Wasserversorgung, die Kanalisation und nicht zuletzt auch das Schulwesen wurden ausgebaut. Allein sechs Landwirtschaftsschulen wurden damals im Emsland neu errichtet. 

Auch neue Höfe beziehungsweise Wohnstätten wurden angelegt. Rund 1250 Vollerwerbshöfe mit mehr als 15 ha Fläche sowie 5000 Nebenerwerbsbetriebe mit mindestens 2 ha entstanden damals. Ganze Dörfer wurden „aus dem Boden gestampft“ – so etwa Heseper Moor, Walchum-Siedlung oder Neugnadenfeld. In dieser Ortschaft sammelten sich viele der aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen vertriebenen Anhänger der Freikirchlich-evangelischen Herrnhuter Brüdergemeine“.

Ab1965 folgte der nächste Schritt des Emslandplans, der sich auf die Ansiedlung beziehungsweise den Ausbau von Gewerbe und Industrie konzentrierte. Drei von vielen Unternehmen seien hier genannt:

– die 1906 gegründete, in den 1950er-Jahren stark expandierende Landtechnikfirma Krone in Spelle,

– die Firma ADO -Gardinen in Aschendorf, 1954 gegründet, 

und die Nordland Papier in Dörpen, die 1967 den Betrieb aufnahm.

Insgesamt verdoppelte sich im Emsland die Zahl der Betriebe mit mehr als 10 Beschäftigten von 88 (1956) auf 162 (1976). In diesem Jahr, also gut ein Vierteljahrhundert nach dem Start des Emsland-Planes, arbeitete nur noch etwa jeder fünfte Erwerbstätige in der Landwirtschaft. Zum Vergleich: Beim Start um 1950 war es noch mehr als jeder zweite. Und noch eine Zahl: Gab es 1950 im Emsland etwa 5500 Industriearbeitsplätze, so stieg deren Zahl bis Mitte der 1970er-Jahre auf fast 22.000.

Öl, Gas, Atomkraft und Transrapid

In der letzten Ausbauphase schließlich von den 70er Jahren bis zur Auflösung der Emsland GmbH 1989, stand die kommunale Neuordnung im Mittelpunkt, vor allem aber die Ansiedlung hochmoderner, als zukunftsträchtig geltender Technik. Errichtet wurden unter anderem 

  • eine Ölraffinerie (1967) bei Lingen, 
  • ein Atomkraftwerk (1968) bei Lingen, sowie 
  • zwei Erdgaskraftwerke bei Lingen (1971) und bei Meppen (1974). 

1980 schließlich wurde mit dem Bau der Magnetschwebebahn „Transrapid“ begonnen. Sie galt mehr als ein Vierteljahrhundert lang als das Aushängeschild des Emslandes und als weithin unumstrittenes Sinnbild einer zukunftsträchtigen, innovativen Technik. Die zum Teil hochfliegenden Pläne, die mit dem Transrapid verbunden waren, fanden ihr jähes Ende, als es im September 2006 auf der Teststrecke zu einem schweren Unfall mit 23 Toten und 10 Verletzten kam. Fünf Jahre später wurde die Teststrecke endgültig stillgelegt.

Kritik und Bilanz

Der Emsland-Plan ist vor allem seit den 1990er Jahren in die Kritik geraten. Ein zentraler Vorwurf lautet, er habe die bis dahin unberührten Moorlandschaften zerstört. Blickt man einzig auf die Natur, ist dem kaum zu widersprechen. Echte Moorlandschaft ist im Emsland in wenigen Reservaten zurückgedrängt. 

Andererseits betont nicht nur der Emsland-Historiker Gerd Steinwasser: Erst die Kultivierung des Emslandes habe eine Region geschaffen, mit der sich die Bewohner identifizieren, in der sie in nennenswerter Zahl überhaupt leben konnten. Dies aber, so Steinwasser, „war nicht zu haben ohne die Veränderung einer Landschaft, die für ihre Bewohner alles andere als lebenswert war.“